Musiklexikon

  


Agustin Barrios Mangoré


Agustin Barrios Mangoré (* 5. Mai 1885 in San Juan Bautista de las Misiones (Paraguay); † 7. August 1944 (San Salvador) war einer der ersten Gitarrenvirtuosen in Südamerika.

Ergründe den Zauber!

Die vielen Masken des Gitarrenvirtuosen Agustín Barrios

Von Claus Spahn


Wenn der Gitarrist Agustín Barrios bei seinen Konzerten auf der Bühne Platz genommen und sein Instrument gestimmt hatte, erzählte er gern ein Märchen. Es war die Traumerzählung seiner künstlerischen Erweckung: Einst sei ihm Tupa, der große indianische Geist seiner paraguayischen Heimat, im Regenwald erschienen. In einen magischen Kasten habe die Gottheit alle Vogelstimmen und Seufzer der Pflanzen eingeschlossen und ihn Barrios mit dem Befehl überreicht: „Ergründe den Zauber!“ Mehrere Tage und Nächte sei er daraufhin ratlos mit dem Kasten im Wald allein geblieben. Bis ihm schließlich Jacy, die Mondmutter aus flüssigem Kristall, aus Mitleid sechs versilberte Lichtstrahlen geschickt habe: „…und aus dem Innersten des Kastens ertönten alle jungfräulichen Klänge unseres Amerika…“

So webt man in Südamerika Virtuosenlegenden. Aber die Geschichte von der Gitarre als indianischem Himmelsgeschenk war nur ein Teil der bizarren Selbstinszenierungen des Agustín Barrios. Manchmal ließ er die Bühne mit üppigen tropischen Pflanzen schmücken und trat selbst im Fantasiekostüm eines Eingeborenenhäuptlings auf. Barrios war dann gar nicht mehr Barrios, sondern sein Alter Ego Nitsuga (Agustín rückwärts gelesen) Mangoré. Und auf alten Schwarzweißfotografien blickt er in seiner exotischen Verkleidung wie eine traurige Dragqueen in die Kamera. Es muss sehr sonderbar gewirkt haben, wenn er dann auf der Gitarre Mazurken spielte, die Frédéric Chopin nachempfunden sind, oder ein Charakterstück, das den Kontrapunkt von Bach imitiert oder eine Bearbeitung von Werken Robert Schumanns, die er ebenfalls im Repertoire hatte. Der stolze Indiohäuptling Mangoré war nämlich tief in seinem Herzen auch ein Künstler aus dem Geist der europäischen Romantik.

Von 1885 bis 1944 hat er gelebt. In einer gebildeten, großbürgerlichen Familie aus Asunción in Paraguay ist er aufgewachsen und hat sein Leben lang Gitarre spielend kreuz und quer den amerikanischen Kontinent bereist. Er war (neben Andrés Segovia) ein Jahrhundertvirtuose seines Instruments und lebte als schillernde Künstlersumpfblüte in den südamerikanischen Metropolen Buenos Aires, Montevideo oder Rio. Manchmal gab er den europäischen Salonhelden, dann trug er den förmlichen Frack im Konzert, beeindruckte lokale Veranstalter mit der (falschen) Auskunft, er komme direkt von einem wichtigen Auftritt aus der Alten Welt und wurde als „Paganini der Gitarre“ gefeiert. Wenn es mit der Konzerttätigkeit nicht gut lief, was immer wieder vorkam, verdingte er sich als Pausenmusiker in Kinos und schummrigen Theatern oder fand einen Geldgeber, der ihn vorübergehend aushielt. Barrios war ewiger Bohemien, Kettenraucher, Diätiker, Esoteriker, Selbstzweifler und ein manisch-depressiver Charakter, der zwischen Euphorie und Einsamkeit gefährlich schwankte. Einmal hat er sogar seinen eigenen Tod erlebt. Durch eine Namensverwechslung machte fälschlicherweise die Meldung die Runde, Agustín Barrios sei verstorben. In den großen Zeitungen des Kontinents wurden Nachrufe gedruckt. Das las der Dandy natürlich gern.

Der Musik hört man die extremen Wechselfälle des Lebens auf Anhieb gar nicht an. Sein kompositorisches Œuvre besteht aus einer Fülle von eleganten Charakterstücken, die in ihrer Form kurz und überschaubar gefasst sind und lateinamerikanische Folklore immer durchklingen lassen. Linkshändig perlen die Virtuosennummern dahin, mit stillem, kantablem Ernst ziehen die liedhaften Piècen vorüber. Ganz vom Instrument aus sind sie – sehr improvisatorisch – erdacht. Barrios hat seine Werke oft nur flüchtig und lange nach ihrer Entstehung aufgeschrieben. Es sind typische Gitarrenstücke, atmosphärisch dicht und klangschön fließend, aber technisch mitunter vertrackt schwer. Barrios war ein Eklektizist. Unbekümmert übernahm er, was ihn musikalisch in seinen Bann zog. In der Kathedrale San José von Montevideo hörte er Orgelmusik von Bach und war so gefesselt von dem Raumklang-Erlebnis, dass er es in seinem Stück La catedral mit pathetischen, blockhaft gesetzten Akkorden nachzuahmen versuchte. Auch die durchbrochene, latente Mehrstimmigkeit in den Präludien von Bach hat er immer wieder aufgegriffen. Andere Stücke klingen wie frühromantische Lieder ohne Worte, als sei Felix Mendelssohn das große Vorbild des Gitarristen gewesen – schlichte Melodik als Ausdruck poetischer Entgrenzung.

Nur quecksilbriges Latino-Temperament sucht man bei ihm vergebens. Seine Gesichtszüge – der üppige weiche Mund, die großen Tränensäcke unter den Augen, der verhangene Blick – scheinen mit seiner Musik zu korrespondieren. Mit eher bedächtigem Synkopenschwung kreiseln die Tänze traumverloren. Eigentümlich schwankend und verzittert gehen die Walzer dahin. Fast ein bisschen schlurfig erklingt die Zamba. Die Canciónes erklingen, wie mit schwerer Zunge gesungen, und fast alles rutscht Barrios ins Moll: die Mazurka an die Opernsängerin in Rio, in die er verliebt war, sein inbrünstiges „Gebet für alle“ (Oración por todos), die wuselnde Arpeggio-Etüde Las abejas („Die Bienen“) oder das jenseitige, naive Tremolostück Una limnosa por el amor de díos („Bitte um eine milde Gabe im Namen des Herrn“), das er wenige Monate vor seinem Tod geschrieben hat.

Barrios, ein ewiger Melancholiker. Der in Peru geborene und in Düsseldorf unterrichtende Gitarrist Alexander-Sergej Ramírez fängt die Seite in seinem Œuvre auf der neu erschienenen CD Confesión besonders atmosphärisch ein. Große, ruhige Spannungsbögen legt er über die Stücke und phrasiert kantabel, mit einem runden, vollen Ton. Wer will, kann freilich auch auf die älteren (und noch brillanteren) Barrios-Aufnahmen von John Williams und David Russell zurückgreifen. Den Zauber des großen Tupa ergründen auch sie.


Quelle: (c) DIE ZEIT 47/2002


Werke

A mi madre (Sonatina)
Abejas >>MIDI
abri la puerto mi china >>MIDI
Aconquija (Aire de Quena)
Aire de Quena (from Suite Andina, Aconquija)
Aire de Zamba >>MIDI
Allegro sinfonico
Arabescos (Estudio No.4)
Armonias de America >>MIDI
Ay, Ay, Ay!
Barcarola (Julia Florida) >>MIDI
Caazapa
Cancion de cuna
Cancion de la Hilandera
Caprichio Espanol
Catedral, La >>MIDI
· Preludio
· Andante religioso
· Allegro solemne
Choro da saudade >>MIDI
Confesion (Romanza) >>MIDI
Contempacion
Cordoba (from ‘Suite Andia’)
Cueca (Danza popular de Chile) >>MIDI

Danza
Danza güarani >>MIDI
Danza paraguaya No.1
Danza Paraguaya No.1 (para dos Guitarras)
Danza paraguaya No.2 (Jha, che valle)
Danza paraguaya No.3 (London carape)
Dinora >>MIDI
Divagacion >>MIDI
Don Perez Freire (Tango) >>MIDI

El sueno de la muneca
El Ultimo Tremolo (Una Limosnita por Amor de Dios)
Escala y Preludio
Estilo argentino
Estilo Uruguayo >>MIDI
Estudio de Concierto No.1
Estudio de Concierto No.2
Estudio de Ligados en Re Menor (d-moll)
Estudio del Legado en La (A-Dur)
Estudio en La Menor (a-moll)
Estudio en Si menor (dos guitarras) (h-moll) (Homenaje a Bach)
Estudio en Sol menor (g-moll)
Estudio No.2
Estudio No.3
Estudio No.4 (Arabescos)
Estudio No.6
Estudio Para Ambas Manos

Gavota al Estilo Antiguo
Gavota (Mabelita)

Humoresque

Imitation to Violoncello (Romanza No.1)
Jha, che valle (Danza paraguaya No.2)
Julia Florida (Barcarola)
Junto a tu corazon (Vals No.2)

Las Abejas
Leyenda de Espana
London carape (Danza paraguaya No.3)
Luz Mala

Mabelita (Gavota)
Madrecita (Minueto en Mi Mayor No.1)
Madrigal (Gavota)
Maxixe >>MIDI
Mazurka Apasionata
Mazurka en La (A-Dur)
Medallon antiguo
Minueto en Do (C-Dur)
Minueto en La (A-Dur)
Minueto en Mi Mayor No.1 (Madrecita)
Minueto en Mi Mayor No.2 (E-Dur)
Minueto en Si Mayor (H-Dur)

Oracion (Plegaria)
Oracion Para Todos

Pais de Abanicos (Dedicado al Japon)
Pepita (Vals)
Pequeno Preludio
Preludio en Do menor (c-moll)
Preludio en La Menor (a-moll)
Preludio en Mi mayor (E-Dur)
Preludio Op.5, No.1

Romanza No.1 (Imitation to Violoncello)

Samaritana, La >>MIDI
Suite Andia (Cordoba)
Suite Andina (Aire de Quena, Aconquija)

Tu Imagens
Tu y yo (Gavota)

Un sueno en la Floresta
Una Limosnita por Amor de Dios (El Ultimo Tremolo )

Vals de la Primavera
Vals Estudio No.1
Vals No.2 (Junto a tu corazon)
Vals No.3 aus Op.8
Vals No.4 aus Op.8
Variation al Estudio No.6 (de P. del Moral)
Vidalita
Villancico de Navidad

Minueto en Sol (L.v.Beethoven)
Moonlight (L.v.Beethoven)
Preludio No.20 (Fryderyk Chopin)
Träumerei (R.Schumann)


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